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17.03.2003

NEUE ZÜRICHER ZEITUNG

Gerettetes Industriedenkmal: Hermann Böttchers Stelzenhaus von 1939 in Leipzig-Plagwitz nach der soeben abgeschlossenen Sanierung durch die Architekten Weis & Volkmann.

„Beim Bauen in Plagwitz muß es um die Tiefe historische Erinnerung gehen - um Authentizität also und nicht um Hochglanzbilder“, sagt Gunnar Volkmann, dessen Architekturbüro Weis & Volkmann Ende 2000 mit der Planung für Umbau und Sanierung des Stelzenhauses begann und nun ebenso wie der Bauherr - die Gesellschaft SKS Projektentwicklung - hier seinen Hauptsitz hat.
15 000 Tonnen Zinkstaub, deren Druck manche der mächtigen Betonstelzen schon beschädigt hatte, mussten vor Beginn der Bauarbeiten unter dem Gebäude weggeräumt werden. Das dauerte rund eineinhalb Jahre und verschlang einschließlich vollständiger Dekontaminierung 1,5 Millionen Mark, die fast zur Gänze aus Fördergeldern flossen. Die heutige Gestalt - in diesen Tagen wird der Umbau abgeschlossen - ist auf Mischnutzung angelegt: ein Fünftel Wohnungen, drei Fünftel Büros, ein Fünftel Gastronomie. Sämtliche Einheiten sind bereits vergeben. Die Baukosten betrugen insgesamt rund 3,5 Millionen Euro; Fördermittel kamen unter anderem vom Land Sachsen und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.Der erfolgreiche Umbau des Stelzenhauses verdankt sich nicht zuletzt der Flexibilität der städtischen Denkmalschutzbehörde. Diese genehmigte zum Beispiel eine Vergrößerung der Fenster im Nordflügel, wodurch die heutige Wohnnutzung erst attraktiv wurde; 

ebenso erlaubte sie das Einfügen eines gläsernen Kastens zwischen die Stelzen unter der Lagerplattform, der nun ein rund 250 Quadratmeter großes Restaurant beherbergt. Und auch die neuen Büros in der einstigen Produktionshalle erhielten ein Untergeschoß aus Glas, durch das die Lichtreflexe von der Kanaloberfläche spielen. Aus ästhetischen und ökologischen Gründen verwendeten die Architekten beim Umbau Fundstücke vom Grundstück: So gleitet in ihrem eigenen Büro die ehemalige Feuerleiter aus dem Gleiskopf vor dem Aktenregal hin und her, und eine rostige Metalltür aus dem Keller verschließt den Sitzungsraum. Der Dielenboden aus rohem Holz und das Restaurant im langgestreckten Glaskasten lassen den Bau im weiteren Umkreis der Tate Modern von Herzog & de Meuron verorten: Volkmann, der unter anderem an der ETH Zürich studiert hat, schätzt die neue Schweizer Architektur.

Ruf nach Orientierungsgrößen

Ebenso schätzt Volkmann das inspirierende Umfeld in Plagwitz: ein Ort voller Brüche, wo Leere und Fülle ineinander greifen. „Zugang zum Nebelraum“ versprechen raue Buchstaben auf einer rosa Schuppentür inmitten von Rost und Resten.

Dr. Ursula Seibold-Bultmann

Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2003