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18.08.2009

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Wieder unter uns

Leipzigs jüdische Gemeinde, die nach 1933 fast ausgelöscht wurde, wächst endlich wieder. Jetzt hat sie ein neues Kulturzentrum – es liegt unterirdisch, ist aber überirdisch schön.

Die Sieger des 2001 durchgeführten Architekturwettbewerbs, das Leipziger Büro Weis & Volkmann in Zusammenarbeit mit arch42 – Ernst Scharf, fanden eine Lösung von bestechender Einfachheit: Sie fügten den großen Saal auf Kellerniveau zwischen dem Vorderhaus und dem Hofbau ein. Diesem Eingriff, der fortan die beiden Gebäude verbindet, fiel die hofseitige Terrasse zum Opfer. Dafür bietet aber das begehbare, plateauartige Saaldach ein Vielfaches ihrer Fläche.
Trotz seiner unterirdischen Position verströmt der Saal keine drückende Kelleratmosphäre, denn beidseitig angelegte Lichtgräben und große runde Öffnungen in der von schlanken Rundstützen getragenen Sichtbetondecke lassen Tageslicht einfluten. Die mittlere der drei Öffnungen füllt ein Davidstern aus blauen Glasschlitzen. 

Zusammen mit den ebenso blauen vertikalen Lichtschlitzen an der Eingangsseite verleihen sie dem Raum, der keine Synagoge ist, aber auch für religiöse Feierlichkeiten genutzt werden kann, einen Hauch von sakraler Wirkung. Deutlich zeitgenössische und dennoch traditionsbewusste Würde signalisiert die Treppe im Foyer, deren schwungvolle Kreiselemente allgemein als Nobelmotiv bekannt sind. Daß sie dort, wie nun auch in Leipzig, ihrerseits eine Hommage an Bernini und Michelangelo darstellen, erhöht die Bedeutung.
Bei der Gestaltung der zylinderförmigen Oberlichter wiederum haben sich die Architekten von den Runderkern an den Ecken der Vorderhausfront inspirieren lassen, die das Bild einer über die Fassade aufgerollten Tora evozieren. Auch an anderen Stellen des Saalbaus tauchen Hänsels Gestaltungselemente in transformierter Form auf: Die Sichtbetonplatten der Eingangsseite etwa zeigen eine an Baumrinde erinnernde Oberflächenstruktur, die vom schuppenartigen Putz der Altbauten abgeleitet ist. Die beiden Bestandsgebäude, die kleinere Veranstaltungssäle, einen Ausstellungssaal, Büros und eine Bibliothek aufnehmen, wurden sorgsam restauriert und im Inneren vorsichtig umgebaut. Was sich an Ausstattungsdetails erhalten ließ, wurde erhalten, Verlorenes originalgetreu ergänzt. Selbst der neue Fahrstuhl bezieht mit der wieder verwendeten Holzverkleidung der Kabine seinen Vorgänger ein.

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